Starken Tobak bot ORF.at vor ein paar Tagen. „Reden“ Pflanzen und Pilze miteinander? fragte da der Journalist Gerald Lehner. Starrer Dogmatismus bei Darwin? ergänzt ein Zwischentitel, und im nächsten Absatz wird die Frage bejahend beantwortet:

Immer mehr Fachleute, die in mehreren Disziplinen bewandert sind, erkennen in Darwins Erklärungsmodell einen starren Dogmatismus, der für die Erklärung des Lebens nicht ausreiche.

Dass Pflanzen den hermeneutischen Auslegungszirkel intus haben, erfährt man auch:

„Die Wurzelzellen einer Pflanze können genau unterscheiden, ob ein chemisches Molekül als Botschaft von anderen Pflanzen vorhanden ist; zum Beispiel von Bakterien oder Pilzen. Oder ob es nicht als Botschaft dienen soll.

Der Herr, der das alles weiß, ist der Philosoph und „Biosemiotiker“ Günther Witzany. Dass das alles sehr ernst gemeint ist, wird durch den protzigen Hinweis belegt,

Echo bei Fachzeitschrift „Nature“

Günther Witzany hat seine Thesen im Mai 2007 beim „Cold Spring Harbor Laboratory Meeting“ in New York (USA) vorgestellt. Seine Thesen wurden auch von der renommierten Fachzeitschrift „Nature“ publiziert.

„Von“ Nature heißt es da auffälligerweise, nicht „in“ Nature. Der Grund dafür ist wohl, dass das Papier auf einen preprint-Server von Nature geladen wurde, also ein elektronisches Archiv, das keinem peer-review unterliegt und auf das jedermann und jedefrau hochladen kann, was er oder sie will. Allerdings können die Leser dort Diskussionsbeiträge posten und für ein Papier „voten“, das sie als wertvoll erachten. Witzanys Thesenpapier hat aktuell null votes. Das heißt freilich nicht, dass die biosemiotische Interpretation der Epigenetik (darum scheint es in seinen Arbeiten zu gehen) ein Unsinn ist. Aber der Hype, der uns hier vorgeführt wird, ist dennoch beachtlich. Die drei Arbeiten von Witzany, die im ISI Web of Science zu finden sind, sind bisher auch auf eher spärliche Resonanz gestoßen. Sie wurden in Summe einmal zitiert, und zwar von Witzany selbst.

Der ORF.at Artikel erschien in der Rubrik Magazin/Leben/Stories, ist also vielleicht gar nicht wissenschaftlich gemeint, obwohl er so klingt. Der Anlass? Nun ja, Witzany hat ein neues Buch geschrieben, auf das dort zweimal hingewiesen wird. Und über die Leopold-Kohr Akademie dürften Witzany und Lehner alte Bekannte sein…