Es soll ja hin und wieder vorkommen, dass Aussagen von Wissenschaftlern, sobald sie erst zur Schlagzeile verkürzt sind, nicht nur entstellt, sondern sogar in ihr Gegenteil verkehrt werden. Ein hübsches Beispiel (mit Dank für den Hinweis an den sciblog) lieferte eben die Zeitung Österreich, die aus der Einschätzung des ZAMG-Klimatologen Ernest Rudel zum kommenden Winter,

„Die Saison könnte einen halben Grad über dem langjährigen Durchschnitt liegen. Es kann sogar sein, dass wir hin und wieder über das eher milde Wetter stöhnen werden“,

diese Cover-Schlagzeile bastelte:

Chef-Meteorologe sagt: Winter wird eiskalt

Aber bitte, das ist halt Österreich. In einer Qualitätszeitung könnte so etwas nicht passieren – oder doch?

Nun ja, vielleicht nicht auf dem Cover. Aber was heute auf der Webseite der Presse zum Thema „Nobelpreis“ (ich weiß, es ist kein echter) für Wirtschaftswissenschaften zu lesen war, ist doch einigermaßen grotesk. Zur Erinnerung: Dieser Preis wurde gestern an drei US-Ökonomen verliehen, die die Theorie des Mechanismus-Design, ein Teilgebiet der Spieltheorie, entwickelt hatten.

Die Presse gilt als Qualitätsmedium mit Kompetenz in der Wirtschaftsberichterstattung. Was ihr unter dem Titel Nobelpreis für Indiana Jones-Verhalten eingefallen ist, lesen Sie hier kursiv, gefolgt von meinen bescheidenen Anmerkungen:

Die Erfinder der Spieltheorie wurden mit Nobelpreisen gewürdigt. Eine Theorie, die auch für den Alltag passt.

Falsch. Als die Erfinder der Spieltheorie gelten Oskar Morgenstern und John von Neumann. Als diese 1944 ihren monumentalen Wälzer Theory of Games and Economic Behavior veröffentlichten, waren die Preisträger Eric Maskin und Roger Myerson noch nicht einmal geboren. (Der dritte Preisträger, der 90-jährige Leonid Hurwicz, hätte theoretisch daran mitarbeiten können. Hat er aber nicht.)

Schweinsbraten oder Vollkornbrot? Faulenzen oder Joggen? Was bringt mehr? Selbst so triviale Alltagsentscheidungen lassen sich mit Hilfe der Spieltheorie logisch erforschen. Angenommen, Schweinsbraten und Faulenzen bringen Freude einerseits, sind dafür ungesund. Angenommen Vollkornbrot und Joggen bringen keine Freude, sind dafür gesund. Dann stellt die Spieltheorie die Frage, ob Schweinsbraten und Faulenzen mehr Freude bringen als Vollkornbrot und Joggen gesund sind.

Leider voll daneben. Das Beispiel hat nicht das Geringste mit Spieltheorie zu tun. Die beschäftigt sich nämlich ausschließlich mit Konflikten, an denen mehrere Personen beteiligt sind.

Was nach einem Vergleich von Äpfel und Birnen klingt, funktioniert über die Zuordnung von so genannten Nutzenwerten: Je nach persönlicher Vorliebe werden die einzelnen Möglichkeiten gewichtet.

So ähnlich funktioniert das. Aber in der Entscheidungstheorie, nicht in der Spieltheorie.

Am Ende des Films „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ steht Harrison Ford vor einer Entscheidung: Sein Vater ist dem Tode nahe, er ist umzingelt von Bösewichten und hält einen Kelch in der Hand, der Unsterblichkeit verliert.

Gemeint ist wohl „verleiht“, aber wir wollen nicht pingelig sein…

Nun hat er drei Möglichkeiten:

  • Selbst ganz trinken, unsterblich werden aber in der Kammer bleiben müssen.
  • Die Bösewichte überwältigen, sich selbst danach mit ein wenig Trank heilen, flüchten und den Trank verkaufen.
  • Seinen Vater mit dem Trank retten, auf die Gefahr hin, selbst getötet zu werden.

Er steht damit vor einer einfachen Variante der Spieltheorie: Er muss entscheiden, was ihm den größten Nutzen bringt: Unsterblichkeit, Flucht und Reichtum oder seinen Vater zu retten. Er entscheidet sich für die Hollywood-Variante: Er rettet seinen Vater.

Wieder daneben: Das Beispiel hat ebenfalls nichts mit Spieltheorie zu tun.

Die Spieltheorie versucht, komplexe Entscheidungssituationen möglichst vereinfacht darzustellen. Damit sollen, in einfachem Modellrahmen, effiziente Strategien entdeckt werden, um diese dann in die Praxis zu übertragen.

O.k., so ähnlich zumindest…

Die „Mutter“ der Spieltheoretischen Modelle ist das „Gefangenendilemma“: Zwei Gefangene werden getrennt befragt. Sie können vorher nicht miteinander sprechen, um ihr Verhalten abzustimmen. Da ihr Verbrechen nicht bewiesen werden kann, hofft der Staatsanwalt, dass jeder von den beiden gegen den anderen aussagt.

Jeder bekommt folgendes Angebot: Wenn er gesteht, bekommt er nur drei Monate Haft, jedoch nur wenn der andere nicht gesteht. Wenn der andere auch gesteht, bekommen beide acht Jahre Strafe. Wenn der Gefangene nicht gesteht und sein Komplize auch nicht, bekommen beide eine leichte Strafe von ein Jahr, da das Verbrechen nicht bewiesen werden kann. Wenn der eine gesteht, weil er nur drei Monate im Gefängnis bleiben möchte, weiß er nicht, ob der andere auch gesteht. Wenn das der Fall ist, bleiben beide acht Jahre im Gefängnis. Wenn der Gefangene aber nicht gesteht (drei Jahre sind immer noch besser als acht) besteht die Gefahr, dass der andere aussagt um seine eigene Strafe zu verringern, was dem Ersten einen noch kleineren Nutzen bringt (zehn Jahre Haft). Der zweite Gefangene hat allerdings dasselbe Dilemma.

Nicht falsch, aber es gibt auch weniger verwirrende Beschreibungen dieses Spiels.

Wenn jetzt beide unüberlegt handeln, würden sie die Alternative wählen, bei der der persönliche Nutzen vermeintlich am größten ist: Sie gestehen und hoffen, dass der andere schweigt.

Andersrum! Schweigen wäre die „unüberlegte“ Wahl und Gestehen die einzig individuell rationale Handlungsweise.

Das ist aber genau die Situation, wo beide gestehen und acht Jahre Strafe bekommen. Ideal wäre, wenn keiner gestehen würde: Dann sitzen beide nur ein Jahr im Gefängnis. Es heißt nicht umsonst Gefangenen“dilemma“. Dadurch zeigt sich: Der wahre Egoist kooperiert.

Genau das Gegenteil trifft zu. Der wahre Egoist kooperiert eben gerade nicht, sondern er gesteht. Dass dann beide acht Jahre sitzen, ist ja gerade das Dilemma: Individuelle Rationalität führt zu einem (für die Gefangenen) suboptimalen Ergebnis.

Warnung! Das Gefangenendilemma ist eine sehr einfache Version der Spieltheorie.

Das Gefangenendilemma ist überhaupt keine Version der Spieltheorie, sondern ein Spiel, also ein Gegenstand der Spieltheorie.

Die Nobelpreisträger (und ihre Jünger) haben über Jahre wesentlich ausführlichere und komplexere Modelle entwickelt. Je umfangreicher eine Fragestellung ist, desto mehr muss auch das Modell berücksichtigen. Daher wäre es fahrlässig zu glauben, komplexe Sachverhalte so einfach abbilden zu können.

Die diesjährigen Nobelpreisträger haben sich wie gesagt mit Mechanismus-Design beschäftigt, einem Teilgebiet der Spieltheorie, das wenig bis gar nichts mit dem Gefangenendilemma zu tun hat. Das gehört zur „klassischen“ Spieltheorie und für die gab’s den Nobelpreis 1994.

Denn für jedes komplexe Problem gibt es eine Antwort, die einfach, klar, deutlich und vor allem falsch ist.

Wie wahr! Und dieser Presse-Artikel selbst ist der beste Beweis dafür…