Auf der heutigen Titelseite der Gratiszeitung Heute prangt fett die Schlagzeile

Neuropsychologe erwähnt in Vortrag zwei Jahre alte Studie, die negative Auswirkungen von TV-Konsum auf Lernerfolg nahelegt.

Nein, Verzeihung, tut sie natürlich nicht. Das ist nur die Schlagzeile, die dort hätte prangen müssen, wenn Heute mit der Wahrheit einen etwas weniger schlampigen Umgang pflegen würde. Tatsächlich lautet die Schlagzeile nämlich

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Dass man beim Wort „Studie“ in einer Heute-Schlagzeile aufpassen muss, wissen treue Stammleser dieses Blogs seit mindestens zwei Monaten. Im Blattinneren geht es ins Detail: Fernsehen macht Teenager dumm! Und im Untertitel heißt es:

Je intensiver der Fernsehkonsum, desto schlechter die Schulleistungen. Diesen direkten Zusammenhang […] wies der Schweizer Top-Gehirnforscher und Psychologe Lutz Jäncke in aktuellen Studien nach.

Wenn Sie jetzt erwarten, dass diese „aktuellen Studien“ hier gnadenlos verrissen und als pseudowissenschaftlicher Schrott enttarnt werden, muss ich Sie enttäuschen. Der negative Zusammenhang zwischen kindlichem TV-Konsum und späteren Schulleistungen ist nämlich tatsächlich sehr gut etabliert. Das eigentlich Ärgerliche bei dieser Heute-Schlagzeile ist, wie hier geschludert wird und wie aus Nichtigkeiten Schlagzeilen gebastelt werden.

So mag der Neuropsychologe Lutz Jäncke zwar ein „Top-Gehirnforscher“ sein, aber er ist wohl kaum ein „Mediziner„, wie es die Coverzeile hinausposaunt. O.k., geschenkt! Wir wollen Einzelheiten wissen, also wo genau wurde die „neue Studie“ publiziert? Dem Bericht zufolge präsentierte Jäncke diese Ergebnisse auf dem „Fernsehforschungskongress in Wiesbaden„. Handelt es sich also um noch unveröffentlichte Resultate, die noch keinen peer-review hinter sich haben? Wenn ja, dann ist es wohl recht kühn, zu behaupten, die Studie „beweise“ etwas. (Abgesehen davon, dass eine einzelne Studie nie etwas „beweisen“ kann, aber diese irreführende Ausdrucksweise hat sich leider im Sprachgebrauch etabliert.)

Weitere Nachforschungen ergeben, dass der „Fernsehforschungskongress“ das „Forum 2007“ der Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF) war. Die AGF ist ein Zusammenschluss deutscher TV-Sender, der die Aufträge zur Ermittlung der Einschaltquoten vergibt. Klingt nicht sehr nach einer jener Veranstaltungen, wo Neuropsychologen ihre neuesten Forschungsergebnisse präsentieren. Also was hat Lutz Jäncke dort erzählt? Seiner Publikationsliste kann man nichts entnehmen, was irgendwie mit TV-Konsum zu tun hat. Das einzige, was sich findet, ist ein aktueller populärwissenschaftlicher Vortrag mit dem Titel „Bildschirm-Medien. Auswirkungen auf die geistige und körperliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen„. In diesem Vortrag berichtet Jäncke u.a. über die Arbeit eines neuseeländischen Forscherteams (Hancox et al.), das eine Studie zum Zusammenhang zwischen TV-Konsum und Lernerfolg von Kindern vorgelegt hat. Diese Arbeit ist allerdings bereits 2005 erschienen und war auch weder die erste noch die letzte zu diesem Thema.

Kurz zusammengefasst heißt das: Es gibt keinen „Mediziner“, der in einer „neuen Studie“ irgendetwas „beweist“, sondern einen Psychologen, der gestern in einem populärwissenschaftlichen Vortrag eine zwei Jahre alte Studie von Kollegen zitierte. Eher kein Stoff für eine Schlagzeile. Aber wenn es dazu beiträgt, dass Eltern ihre Kinder weniger oft vor die Glotze setzen, dann drücken wir diesmal halt noch ein Auge zu…