Von einem kuriosen Modellversuch berichtet heute die Mittelbayerische Zeitung: Ein Rutengängerkurs für Blinde. Auch blinde Menschen sollen dort lernen können, wie man Erdstrahlen aufspürt, die auf Wasseradern hindeuten. Warum das kurios ist, kann man erst nach einer kurzen Rekapitulation der Fakten wirklich würdigen. Die da wären:

1. Wasseradern gibt es nicht, außer in manchen Karstgebieten. Grundwasser fließt flächig. Das Gerede von unterirdischen Kanälen, in denen das Wasser dahinströmt wie Blut in einer Ader, ist ein Gerücht, das sich auch unter gebildeten Menschen hartnäckig hält.

2. Die Existenz von Erdstrahlen ist wissenschaftlich nicht nachgewiesen. Deutlicher ausgedrückt, in den Worten des Geophysikers Prof. Erhard Wielandt von der Uni Stuttgart: Die Störzonen, in denen Erdstrahlen entstehen, befinden sich nicht in der Erde, sondern im Kopf. Zwar gibt es eine Menge Strahlen, die aus der Erde kommen, etwa in Form von Wärme oder natürlicher Bodenradioaktivität, aber diese meinen die Rutengänger ja nicht. Deren Erdstrahlen sind technisch nicht messbar, sie sind „feinstofflich“. (Was auf gut deutsch soviel heißt wie: Sie sind Quatsch.)

3. Die Zuckungen der Wünschelrute beruhen auf dem Ideomotor- oder Carpenter-Effekt. Es sind unbewusste kleine Muskelzuckungen, die die Rute aus ihrer instabilen Lage geringfügig auslenken, was dann zu dem Ausschlag der Rute führt. Diese Muskelzuckungen werden durch die Erwartungshaltung beeinflusst. Deshalb schlägt die Rute dort aus, wo der Rutengänger (bewusst oder unbewusst) meint, dass sie ausschlagen sollte.

4. In kontrollierten, doppelblinden Tests, versagen Rutengänger regelmäßig. Deshalb kann James Randi auch cool bleiben, wenn wieder einmal ein Kandidat zu einem solchen Test antritt. Randi hat seit vielen Jahren eine Prämie von einer Million Dollar ausgesetzt, die jeder erfolgreiche Rutengänger für sich reklamieren könnte. Viele haben es versucht, alle scheiterten. Zuletzt erst vor ein paar Wochen bei den Wünschelrutentests der GWUP, die von RTL II im Rahmen von „Welt der Wunder“ ausgestrahlt wurden.

Zusammengefasst ist Rutengehen also eine Art großes Selbsttäuschungsritual, das höchstens als entspannender Zeitvertreib in der freien Natur seinen Wert hat. Wenn blinde Menschen sich die Zeit auf solche Art zu vertreiben wünschen, dann ist dagegen nichts einzuwenden. Allerdings wird das Rutengehen schnell langweilig, wenn sich keine Erfolgserlebnisse einstellen. Das ultimative Erfolgserlebnis für einen Rutengänger besteht darin, dass er dort Wasser findet, wo die Rute ausgeschlagen hat. Dass er dort, wo sie nicht ausgeschlagen hat, meist auch Wasser gefunden hätte, sagt ihm niemand. Diese Art Erfolgserlebnis ist allerdings mühsam zu erreichen, denn dafür müsste man ja nach Wasser graben.

Ein beinahe ebensoguter Ersatz ist es, wenn die Rute dort ausschlägt, wo sie bei den anderen, „erfahrenen“ Rutengängern auch ausschlägt. Das tut sie sehr oft. Weil dort eben die Erdstrahlen sind, sagen die Rutengänger. Weil die Erwartungshaltung via Carpenter-Effekt dazu führt, sagt die Wissenschaft. Die Erwartung kann z.B. daher rühren, dass man zuvor andere Rutengänger bei ihrer Suche nach Erdstrahlen bzw. Wasser beobachtet hat. Sie kann aber auch auf unbewussten Wahrnehmungen beruhen, die tatsächlich auf Grundwasser schließen lassen, wie etwa leicht dunkleres, feuchteres Erdreich, oder stärkerer Pflanzenbewuchs als in der Umgebung. Bei Blinden sind zumindest alle rein optischen Varianten dieser Wahrnehmungen natürlich auszuschließen.

Wenn jetzt also eine blinde Person mit der Wünschelrute eine Strecke abgeht, die zuvor vom Wünschelrutenkursleiter abgegangen wurde, und wenn die Rute dann an derselben Stelle ausschlägt, ohne dass es klare nicht-optische Signale gibt, die die Erwartung beeinflussen könnten („Jo, jetzt kummst immer näher, glei miaßats zuckn!“), dann hätte man beinahe schon so etwas wie einen wissenschaftlichen Test. Kein Test auf Erdstrahlen oder Wasseradern zwar, aber immerhin auf positive örtliche Korrelation zwischen den Fundstellen verschiedener Rutengänger. Das Problem dabei ist, dass aus den oben genannten Gründen ein Erfolgserlebnis für den blinden Rutengänger dabei nicht zu erwarten wäre.

Wie geht unser mittelbayerischer Rutengängerkursleiter also mit diesem Problem um? Nun, über eine sehr „erfolgreiche“ blinde Kursteilnehmerin sagt er:

Natürlich wurde sie während der Begehung mit einer Hand geführt, während sie in der anderen Hand die Wünschelrute hielt.

Ah ja …