Der geplatzte Besuch vom Joseph Ratzinger an der römischen Universität „La Sapienzia“ schlug in den letzten Wochen hohe mediale Wellen. Professoren und Studenten protestierten gegen seinen Besuch mitunter aufgrund einer Aussage, die er 1990 tätigte. Damals noch in seiner Position als Großinquisitor, wollte er wissen, dass Galileos Prozess und Bestrafung 1633 durch den Vatikan gerecht gewesen wäre und dass seine Rehabilitierung durch Johannes Paul II als reiner Publicity Gag gedacht war.

Diese Idee allerdings stammte nicht von Ratzinger selber, sondern er zitierte hierbei den österreichischen Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend, eine Gallionsfigur des postmodernen Relativismus…gerade die Strömung, welcher Ratzinger in mehreren Reden eine klare Absage erteilt hatte.

Ratzingers Verweis auf Feyerabend ist nur ein Beispiel unter vielen, in der sich religiöse oder irrationale Bewegungen aus taktischen Gründen auf postmoderne Positionen berufen, welches die Möglichkeit, Dinge zu wissen oder durch Erforschung zu beschreiben, ablehnt. Ihren Höhepunkt erreichte diese Strömung in den „science & technology studies“ der 1970er und 80er Jahre. Die Wissenschaft, die zuvor einen Anspruch auf Allwissen erhoben hatte, wurde nun entmachtet; Meinungen, und soziale Prozesse wurden für wichtig erklärt, da diese – im Gegensatz zu wissenschaftlichen Aussagen – frei von dem Bedürfnis wären, die ‚Wahrheit‘ zu diktieren. Das Ergebnis dieses Prozesses sehen wir im grassierenden Irrationalismus innerhalb unserer heutigen Gesellschaft, in der Wissenschaftsfeindlichkeit, und in dem Glauben jedes einzelnen, einen privilegierten, intuitiven Zugang zur Wahrheit zu haben.

Diese Einstellung wurde bereits vielfach kritisiert, doch folgende Kritik stammt von niemand geringerem als dem Generalissimo der „science studies“, Bruno Latour. In diesem Artikel (Latour, B. (2004) Why Has Critique Run Out of Steam? From Matters of Fact to Matters of Concern Critical Inquiry 30, 225-248) äußert er sich zu dem Vorwurf, dass die „science studies“ weit über ihr Ziel hinausgeschossen hätten, dass sie nicht nur die Dominanz der Wissenschaft als einziges Mittel zur nachhaltigen Erkenntnis zerstört hätten, sondern man habe die Gefahr der ideologischen Beeinflussung von Wissen derart übertrieben, dass man nun gar keinem Wissen mehr vertrauen könne.

In which case the danger would no longer be coming from an excessive confidence in ideological arguments posturing as matters of fact–as we have learned to combat so efficiently in the past–but from an excessive distrust of good matters of fact disguised as bad ideological biases! While we spent years trying to detect the real prejudices hidden behind the appearance of objective statements, do we have now to reveal the real objective and incontrovertible facts hidden behind the illusion of prejudices? And yet entire Ph.D programs are still running to make sure that good American kids are learning the hard way that facts are made up, that there is no such thing as natural, unmediated, unbiased access to truth, that we are always the prisoner of language, that we always speak from one standpoint, and so on, while dangerous extremists are using the very same argument of social construction to destroy hard-won evidence that could save our lives. Was I wrong to participate in the invention of this field known as science studies? Is it enough to say that we did not really mean what we meant? Why does it burn my tongue to say that global warming is a fact whether you like it or not? Why can’t I simply say that the argument is closed for good?

Latour akzeptiert Mitschuld für die zeitgeistige Welle des Irrationalismus, da sie seiner Meinung nach auf die Argumentationsschule der postmodernen Wissenschaftskritik zurück greift.

Maybe I am taking conspiracy theories too seriously, but I am worried to detect, in those mad mixtures of knee-jerk disbelief, punctilious demands for proofs, and free use of powerful explanation from the social neverland, many of the weapons of social critique. Of course conspiracy theories are an absurd deformation of our own arguments, but, like weapons smuggled through a fuzzy border to the wrong party, these are our weapons nonetheless. In spite of all the deformations, it is easy to recognize, still burnt in the steel, our trade mark: MADE IN CRITICALLAND.

In der Diskussion z.B mit Kreationisten („Es ist doch nur eine Theorie“), Sektierern („Du kannst Gott nicht widerlegen“) oder Alternativmedizinern („Die Energie, die hier fließt, kann man nicht wissenschaftlich feststellen“) ist uns diese Weise der Argumentation bekannt; doch gerade Naturwissenschaftern, Technikern und Medizinern ist kaum bekannt, dass ein derartiges Verhalten auch im akademischen Bereich anzutreffen ist.

In den nächsten Tagen werde ich dazu 2 Beispiele ansprechen: Louis Markos und Steve Fuller