Kritische Leser wissen es ja: Wenn eine kleinformatige Tageszeitung das Wort Studie in eine Schlagzeile setzt, dann ist Vorsicht angebracht. Neuerlich demonstriert hat das heute Heute, die Gratiszeitung, die täglich tausende U-Bahn Benutzer mit einer Mischung aus Information und Werbung versorgt. Studie: Sterne sind die besseren Ärzte prangt auf Seite 8, und im Untertitel erfährt man:

Die Sterne lügen nicht – vor allem, wenn es um unsere Gesundheit geht. Laut neuer Studie bestimmt der Geburtsmonat sogar, welche Krankheiten uns gefährlich werden und wie lange wir leben!

Im Text machen die Sterne munter weiter:

Aberglaube hin oder her: Die Sterne verraten mehr, als uns lieb ist. Denn laut Studie zweier Forscher des Max-Planck-Instituts Rostock (D), die sich auf 250 (!) weitere Untersuchungen berufen, bestimmt schon unser Geburtsmonat, welche Wehwehchen auf uns zukommen – und ob wir Methusalem Konkurrenz machen!

Dass der Geburtsmonat einen geringen, aber in großen Datenmengen statistisch nachweisbaren Einfluss auf Lebenserwartung und Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten hat, ist seit längerer Zeit bekannt. Dass das mit den jahreszeitlich schwankenden Umwelteinflüssen zu tun hat, der die Mutter während der Schwangerschaft ausgesetzt ist, ebenfalls. Dass das alles nicht das geringste mit Astrologie zu tun hat, geben sogar die meisten Astrologen zu. Im Spiegel-online etwa hörte sich das vorgestern unter dem Titel Statistik statt Sternzeichen so an:

Sternzeichen verraten den Charakter? Der dänische Psychologe Helmuth Nyborg von der Universität Aarhus hat im vergangenen Jahr in einer Studie bewiesen, dass das nicht stimmt. Wohl aber sagt das Geburtsdatum etwas über spätere Gesundheitsrisiken aus.

Dieser Artikel erschien ursprünglich im SZ WISSEN vom 24. August, wo der Untertitel ähnliches verkündete:

Man muss nicht an Horoskope glauben, um viel aus dem Geburtsdatum herauszulesen – zum Beispiel Krankheitsrisiken.

Anders sieht das offensichtlich das U-Bahn Blatt, das für eilige Leser seine Kernbotschaft nocheinmal in den Zwischentitel packt: Horoskop bestimmt, wie gesund wir wirklich sind.

Sucht man nach der neuen Studie, die Heute im Untertitel anführt, so findet man einen Artikel der Rostocker Forscher Doblhammer und Vaupel in der renommierten Fachzeitschrift PNAS. Allzu neu ist er allerdings nicht, wurde er doch bereits im Februar 2001 publiziert. Außerdem geht es darin zwar tatsächlich um die Lebenserwartung in Abhängigkeit vom Geburtsmonat, allerdings nicht um irgendeine Anfälligkeit für Krankheiten, wie Heute suggeriert. Die 250 (!) weiteren Untersuchungen, auf die sich die Autoren laut Heute berufen, sucht man in der Publikation ebenfalls vergebens.

Finden kann man sie allerdings anderswo, nämlich im oben erwähnten Überblicksartikel im SZ WISSEN, wo es heißt:

Das erhöhte Risiko für Dezember- und Januar-Geborene, an Schizophrenie oder manischer Depression zu erkranken, bestätigen mittlerweile mehr als 250 Studien weltweit.

Das Rostocker Max-Planck-Institut und seine beiden Autoren werden an dieser Stelle ebenfalls erwähnt, allerdings ohne die Behauptung, deren Studie zur Lebenserwartung wäre neu:

Nach einer Studie der Demografen Gabriele Doblhammer-Reiter und James Vaupel dürfen im Dezember geborene über 50-Jährige damit rechnen, zwischen vier und acht Monate länger zu leben als Gleichaltrige, die zwischen April und Juni geboren sind. Die beiden Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock haben dafür dänische und österreichische Bevölkerungsdaten aus mehreren Jahrzehnten ausgewertet.

Gut, und was lernen wir daraus? Nun, über Gratiszeitungsjournalismus eigentlich nichts, was man nicht ohnehin erwarten würde. Eine tiefergehende Analyse, wie und warum es dazu kommen kann, dass eine acht Jahre alte Studie zur Lebenserwartung in einer Tageszeitung zur astrologischen Jubelmeldung mutiert, können wir getrost den Kollegen von SciMedia überlassen. Aber wenn Ihnen die Mitzi-Tant demnächst wieder versichert, die Astrologie sei bewiesen, und da gäbe es jetzt eine neue Studie, dann fragen Sie sie doch vorsichtig, ob sie darüber vielleicht in der U-Bahn gelesen hat.

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